Artikel vom 7. Oktober 2011
Mitunter sind die Entfernungen in Russland recht gewaltig. Vor ein paar wenigen Tagen waren wir noch in Workuta, nun sind wir rund 650 Zug- und 5800 Autokilometer weiter östlich in Bratsk. Von hier aus starten wir zur letzten ganz großen Etappe. Entlang der BAM (Baikal-Amur-Magistrale) wollen wir bis nach Tynda fahren. Dabei gibt es ein großes Problem. Es fehlt an einer Stelle eine große Brücke über einen rund 100 m breiten Fluss. Eventuell können wir die Eisenbahnbrücke nutzen. Die Genehmigung dafür oder entsprechende Alternativen werden wir in den nächsten Tagen in Ust-Kut einholen bzw. erörtern.
Auf dem Weg will ich zudem Anna und Rudolf in Tajura treffen. Vor 9 Jahren habe ich das alte Ehepaar besucht. Jetzt will ich sehen, wie es ihnen in dem abgelegenen Dorf an der Lena geht. Und dann möchte ich noch ein Versprechen einlösen. Als ich damals bei ihnen waren, entflohen während der Dreharbeiten zwei Hühner und kamen nicht mehr zurück. Ich versprach daraufhin dem Rentnerpaar, das ich zurückkommen werde – mit zwei neuen lebenden Hühnern. Nun ist die Zeit dafür gekommen.
Eines will ich nicht vergessen. Auf unserem Weg in den letzten Tagen haben wir bei der Caritas in Omsk Station gemacht. Schwester Elisabeth und ihr Team kümmern sich dort um die, für die in der russischen Gesellschaft fast kein Platz mehr ist. Die Rede ist von den Obdachlosen und von jenen Menschen, die von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt sind. Und davon gibt es sehr viele. Mehr dazu im aktuellen Video!
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Artikel vom 2. Oktober 2011
Eigentlich wollten wir nach der langen Fahrt von Omsk im Hotel in Novosibirsk nur noch ein Bier trinken und dann ins Bett gehen. Daraus ist nichts geworden. Denn da stand in der Hotelhalle ein Klavier. Und irgendwann fing ein unscheinbarer, älterer Mann ganz leise an, darauf zu spielen. Er intonierte Ludwig van Beethovens Mondscheinsonate. So einfühlsam, so leidenschaftlich. Unglaublich.
Schließlich kamen einige andere Männer dazu, jüngere, ältere. Alle kamen von draußen. Wenig später stellte sich heraus, von wo sie kamen und was sie verband. Sie sind Mitglieder des Russischen Nationalorchester. Am Abend hatten sie in Novosibirsk ein Konzert vor ausverkauftem Haus gegeben. Und nun hatten sie noch lange nicht genug. Einer nach dem anderem saß am Klavier, zuerst der Konzertmeister. Kurz vor dem Ende gegen fünf Uhr gab es ein wunderbares Duo. Klavier mit zum Schlagzeug umfunktionierter Mülleimer. Wir durften dies filmen. Russische Seele in ihrer ganz eigenen Tiefe. Demnächst hier zu sehen.
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Artikel vom 27. September 2011
Wir sind zurück aus der Region um Workuta. Es waren sehr intensive und auch verrückte Tage. In und um Workuta herum haben wir die Geschichte der Stadt erfahren – oder besser gesagt das besichtigt, was davon noch vorhanden ist (die historische Aufarbeitung in Russland in Sachen Stalin und Gulags läuft auf ihre ganz eigene Art).
So gab es das Lager “Berlin 2″. Zu sehen gibt es heute außer ein paar Holzresten nichts. Ein wenig entfernt liegt der Friedhof von “Berlin 2″. Er wird nun mühsam mit ein paar Kreuzen zurück in Erinnerung gebracht. Über Teile des Friedhos verläuft allerdings inzwischen eine Teerstraße.
Auch von all den anderen über 100 Lagern in und um Workuta herum ist so gut wie nichts mehr vorhanden. Es wird jedoch an ein paar Projekten gearbeitet, die die Geschichte aufarbeiten sollen. Ein Grund dafür liegt in der Monostruktur der Stadt. Workuta ist völlig auf den Bergbau ausgerichtet. Doch der ist in großen Teilen nicht mehr rentabel, die meisten Zechen sind schon dicht. Von einst (1986) 230.000 Einwohnern werden in ein paar Jahren wohl nur mehr 60.000 übrig bleiben. Für Einnahmen soll dann nicht nur der Bergbau sorgen, sondern auch Geschichts-Tourismus.
Wir waren jedoch nicht nur in Workuta, sondern auch in der Tundra und dem nördlichen Uralgebirge. Hier die Geschichten und Fotos.
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Artikel vom 18. September 2011
Die Region um Cheljabinsk liegt hinter uns, heute wollen wir von Uchta aus mit dem Zug nach Workuta fahren. Mit dem Auto können wir dort nicht hin, es fehlt eine Straße. Nur im Winter, wenn der Boden und die Flüsse gefroren sind, kann man mit dem eigenen Fahrzeug bis ganz in den Norden hinauf.
Also werden wir den Zug nehmen und eine Nacht lang dort das Treiben betrachten. Mit uns dabei ist Renat. Er hat schon in den vergangenen 7 Tagen für uns gedolmetscht. Nun will er sich den nördlichen Teil des Urals nicht entgehen lassen. Noch nie war er dort. Für ihn ist es eine Entdeckungsreise in seinem Heimatland. Uns kommt das mehr als gelegen. Schon die Fahrt nach Uchta war sehr lehrreich. Renat kann uns vieles erklären, was wir am Wegesrand sehen. Und die Kommunikation mit den Menschen wird durch ihn natürlich auch einfacher und intensiver.
Die Geschichte Workutas ist die der Gulags. Wie aber sieht es heute aus? Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben die meisten Kohlebergwerke dicht gemacht. Nicht sofort, aber die Marktwirtschaft hat auch diese nördliche Stadt erreicht.
Von Workuta aus werden wir mit einem „Allwegefahrzeug“ den Ural ostwärts überqueren. Vorbei an Rentierzüchtern, vorbei an einstigen Gulags. Unser Ziel ist Labytnangi, eine kleine Stadt, die an einem Seitenarm des Flusses Ob liegt.
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Artikel vom 14. September 2011
Die Region um Chelabinsk ist vor allem wegen der Stahlproduktion und dem Maschinenbau die zur Zeit beste Wirtschaftsregion in Russland. Wir sind für viert Tage hier, habe in dier Zeit unter anderem den deutschen Stahlhändler Helge Siemer begleitet. Hier ein paar Impressionen von seinem Besuch im Rohrwalzwerk Cheljabinsk.
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Artikel vom 14. September 2011
Wir waren mitten im südlichen Uralgebirge in der Stadt Zlatoust in einer Wodkadestille. Jedes Jahr trinken die Russen durchschnittlich 10 Liter offiziell hergestellten Wodka zuzüglich 20 Liter illegal destillierten Wodka. Putin hat dem jetzt den Kampf angesagt. Alte traditionelle Marken werden wiederbelebt – wie jene aus Zlatoust. Sie sollen den Markt mit hochwertigem Wodka zurückerobern. Ob das gelingt bleibt fraglich. Denn die russische Regierung hat gleichzeitig beschlossen, den Preis für Wodka bis ins Jahr 2015 zu verdoppeln.
Wie auch immer, für den nächsten Monat lautet der Auftrag 250.000 Liter Wodka in Zlatoust zu produzieren.
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Artikel vom 14. September 2011
Kann man sein Kamerastativ verlieren ohne es zu merken? Und vor allem, ohne es wieder zu finden? Man kann.
Die Geschichte geht wie folgt:
Wir waren tief im Süden des Uralgebirges in dem kleinen Dorf Minjar. Nein, wildromantisch ist es dort nicht. Die örtliche Stahlwalzfabrik ist fast völlig am Boden, Neubauten wie in anderen Teilen Russlands sucht man hier vergebens. Aber es gibt einen Unternehmer, der versucht mit viel Elan die Fabrik wieder zum Laufen zu bringen. Nach den Dreharbeiten im Werk hat er uns in eine entlegene Berghütte eingeladen. Dorthin zieht er sich mit seinen Freunden zurück, wenn er für sich sein will, wenn er Abstand vom Alltag braucht. Es ist eine ganz einfach Hütte mit einer Banja. Geheizt wird mit Holz, die Kochstelle ist draußen unter Tannen.
Und die Anfahrt geht über einige Forstwege und viele Kilometer lang querfeldein. Durch tiefe Rinnen, ausgefahrene Schlammspuren und absolut unbefestigten Pisten. Dabei ist es passiert. Unser Allradfahrzeug hat alles wunderbar gemeistert. Nur von unserem Aufbau ist die Heckklappe aufgesprungen, das Stativ bei irgendeinem Schlagloch rausgeflogen. Gemerkt haben wir es erst, als wir an der Hütte waren. Eine intensive Suchaktion hat nichts gebracht.
Inzwischen haben wir ein neues Stativ bekommen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte…
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Artikel vom 9. September 2011
Es ist unglaublich, wie dicht und intensiv diese Filmreise ist. Es sind die Menschen, die wir treffen, die diese Reise (und damit auch den Film) zu einer ganz besonderen machen. Sie geben uns mehr an Geschichten, als wir je erwartet haben.Russland ist in einem Transformationsprozess. Wirtschaftlich wie gesellschaftlich. Die Globalisierung hinterlässt auch in dem größten Land der Erde deutliche Spuren, die mitunter sehr schmerzhaft sind.
Da ist die Stadt Togliatti mit dem Ladawerk. Noch 2009 haben dort 102.000 Menschen Autos hergestellt. Dann schlug die internationale Finanzkrise mit aller Härte zu. Das Werk drohte in der Versenkung zu verschwinden. Zu alt und unattraktiv die Produkte. Gigantisch die Schulden. Über 35.000 Arbeiter wurden entlassen. Sozialeinrichtungen wie Kindergärten, Erholungsheime und medizinische Abteilungen wurden abgestoßen. Die Jungen verlassen die Region, ziehen nach Moskau und St. Petersburg, hoffen dort auf eine aussichtsreiche Zukunft. Für die Stadt an der Wolga, die ganz auf den Automobilproduzenten ausgerichtet ist, fast ausschließlich von diesem lebt, war und ist dies ein enormer Schock, der auf lange Sicht noch wirken wird.
Die russische Staatsregierung versucht nun mit aller Macht diesen Zustand zu verändern. Ein Hightech-Park ist kurz vor der Vollendung, eine Sonderwirtschaftszone (mit Zollfreiheit und extrem niedrige Steuersätze) soll Investoren aus der ganzen Welt anlocken. Und Lada bringt (u.a. mit Hilfe von Renault) neue Modelle auf den Markt, die auf die Wünsche des russischen Kunden zugeschnitten sind.
Die Menschen erzählen uns darüber. Leute wie der Ladapräsident Komarov, einfache Arbeiter, Umweltschützer, Künstler, Akademiker. Niemanden scheint die Entwicklung kalt zu lassen. Aber nicht nur in Togliatti ist das so.
Es bleibt spannend. Tag für Tag, oft auch Stunde für Stunde.
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Artikel vom 3. September 2011
Inzwischen habe wir Astrachan und das Wolgadelta verlassen, sind gen Togliatti aufgebrochen. Aber es bleibt von einigen Dingen zu berichten. Da ist der Tataren-Basar mitten in der Stadt. Wir hatten ihn ursprünglich gar nicht im Visier. Doch der Zufall hat es so gewollt. An einem der Abende trafen wir in unserem Hotel Professor Carlo Zaccagnin. Er hat sein Leben den Lebensformen und –umständen der letzten 4000 gewidmet, ist deshalb derzeit auf einem Streifzug durch das südliche Russland und den angrenzenden Staaten auf der anderen Seite des Kaukasus. Der alt-ehrwürdige Gelehrte aus Rom berichtete uns von seinem Besuch auf eben jenem Tartaren-Basar. Wir sollten früh morgens dort drehen. Da sei zwar noch nicht viel los, einige Stände in der Halle auch noch gar nicht besetzt. Wie jedoch die Metzger und die Frauen der Fischer ihre Ware für den Verkauf herrichten würden, dies habe ihm sehr gefallen und sei sicherlich auch gut mit der TV-Kamera einzufangen.
So, wie der leidenschaftliche Professore es uns erzählt hat, so ist es auch kommen.
Später am Tag haben waren wir schließlich noch einmal im Wolgadelta unterwegs. Nicht die Wasserwege waren unser Ziel, sondern die Inseln. Denn dort werden auf besten Boden vor allem Tomaten und Wassermelonen angebaut. Mit großen Erfolgen. Selbst in den entfernten Städten Moskau und St. Petersbug schwärmt man von diesen Produkten aus der Astrachaner Gegend.
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Artikel vom 30. August 2011
Es ist richtig sommerlich in Astrachan. Kaum ein Wölkchen am Himmel, Temperaturen um die 34 Grad. Gut für die Dreharbeiten. Die haben uns gestern in das Wolgadelta geführt. Einst war es ein begehrter Platz für den Stör, allen voran der Beluga tummelte sich gerne in dem weit verzweigten Wassernetz.Vergangenheit! Diese Fische sind fast komplett ausgestorben.
Zum einen hat ein großes Dammprojekt und die damit eingezogene Regulierung der Wassermassen die Laichplätze stark zerstört. Zum anderen sind diese Tiere ob ihrer Eier enorm stark begehrt. Die Rede ist vom Kaviar. Eines der begehrtesten Luxusspeisen auf der ganzen Welt.
Russland hat deshalb bereits 2005 den Stör auf die Rote Liste gesetzt und die Produktion von Kaviar nur mehr aus Zuchttieren gestattet. Zudem werden pro Jahr eine Millionen Störe (Russischer Stör sowie Beluga) in die Wolga ausgewildert. Wie das abläuft haben wir filmen können. Und dazu tief drinnen im Wasserlabyrinth ein fast nicht enden wollendes Meer an Lotusblumen entdeckt. Ein traumhafter Anblick! Das Wolgadelta ist der einzige Ort in Europa, wo man die rosafarbenen Wasserblüten in freier Natur betrachten kann.
Kaviar wird übrigens zur Zeit nicht produziert. Dies geschiet nur in den Monaten April bis Juni.
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